„Jeden Tag Bombeneinschläge und überall bewaffnete Menschen!“

Mittwoch, 10.Juni 2015 von

Aus NRW

Unser Vorstandsmitglied Enzo hat sich in Aachen mit den beiden syrischen Flüchtlingen Wassim und Yasin getroffen, um ihre Geschichte zu erfahren.

 

Die Flüchtlingsdebatte wird in Deutschland schon seit zu langer Zeit kontrovers diskutiert. Um mir ein besseres Bild zu verschaffen

Enzo (r.) im Gespräch mit Wassim (l.) und Yasin (2. v. l.)

Enzo (r.) im Gespräch mit Wassim (l.) und Yasin (2. v. l.)

habe ich mich mit zwei syrischen Flüchtlingen aus Damaskus getroffen. Ich will ihre Geschichte erfahren und die Flüchtlinge, die

Menschen Wassim (27) und Yasin (19) kennen lernen.

 

Ihr kommst aus der Hauptstadt Syriens – Damaskus. Wann begangen dort die ersten spürbaren Zeichen einer Revolution?
(Wassim): Ich war niemals Mitglied einer aktiven Gruppe gegen das Assad-Regime, aber im März 2011 begangen die ersten friedlichen Proteste auf den Straßen. Da bin ich natürlich mit aufgestanden und habe gegen die Unterdrückung des Volkes von Assad meine Stimme erhoben.
Wie entwickelte sich im weiteren Verlauf die Lage in eurer Heimat?
(Yasin): Die Lage wurde immer schlimmer. Assad hat begonnen das Militär immer offensiver gegen die eigene Bevölkerung zu richten. Meine Tante hat Oppositionellen Hilfe zur Einreise nach Damaskus gegeben. Dabei wurde sie erwischt oder vielleicht aus den eigenen Reihen verraten. Die Lage dort ist ziemlich unübersichtlich, weil niemand genau weiß, zu welcher Gruppe derjenige oder diejenige gehört. Sie wurde vor den Augen meiner Familie brutal verhaftet. Heute kann ich nicht mehr sicher sein sie jemals mehr lebend wiederzusehen.
Wie kann man sich Leben in einem Kriegsgebiet vorstellen?
(Wassim): Ich würde es zum Ende hin meiner Zeit in Syrien nicht mehr ein geordnetes Leben mehr nennen. Jeden Tag Bombeneinschläge und  überall bewaffnete Menschen. Gerät man einmal in einen falschen Check-Point, so kann es das Ende für einen bedeuten. In Syrien kämpfen viele verschiedene Gruppen um die Oberhand. Um Gebiete zu kontrollieren stellen sie Check-Points auf. Ein Menschenleben ist in Syrien heute nicht mehr viel Wert und keinen würde es interessieren wenn ein Militant einen Menschen auf offener Straße erschießen würde.
Wie seit ihr geflohen und wart ihr auf eurer Reise alleine?
(Yasin): Als meine Tante verhaftet wurde, haben meine Eltern, meine drei kleineren Schwestern und ich uns entschlossen in die Sicherheit zu fliehen. Wir packten das nötigste ein und flohen erst gen Süden nach Ägypten und später Libyen. Unsere Reise musste aber weiter gehen, weil es unmöglich dort war Schutz und Arbeit zu finden.
(Wassim): Da mein Vater einen palästinensischen Pass besitzt, ist er mit meiner Familie nach Gaza-Palästina geflohen. Als sie in Sicherheit waren, bin ich eine Woche später im Oktober 2013 in Richtung Norden aufgebrochen. Mit Hilfe einer Schmugglerbande aus Kindern musste ich viel Geld bezahlen um in die Türkei zu gelangen. Dort blieb ich einen Monat um dann weiter nach Bulgarien zu ziehen. Leider wurde ich dort von der bulgarischen Polizei wegen unerlaubter Einreise in das Land, verhaftet.
Yasin, du hast es mit deiner Familie bis nach Libyen geschafft. Wie ging es danach weiter?
(Yasin): Unsere einzige Möglichkeit war die Überquerung des Mittelmeers. Die Überfahrt hat pro Person umgerechnet 250 Euro pro Person. Jetzt müssen wir es nur noch bis ans andere Ende schaffen. Bei Nacht wurden wir mit Schlauchbooten auf unser Transportboot gebracht. Eigentlich war auf dem Boot nur Platz für maximal 20 Personen. Am Ende waren für 300 Passagiere! Die Schlepper fuhren uns bis auf halbe Distanz zu italienischem Festland, um auf ein normales Containerschiff zu warten, welches uns dann weiter mitnehmen sollte. Doch leider kam kein Schiff und wir mussten warten. Es war die Hölle auf dem Meer. Alle Passagiere auf dem Boot haben Todesängste und man hofft inständig, dass der hohe Wellengang und das Leid endlich bald ein Ende haben. Nach vier Tagen auf offener See mit Wind, Wellen und Krankheit sahen wir endlich in der Dunkelheit ein Licht. Es war ein Schiff der italienischen Marine die uns aufnahmen und im Anschluss das Schlepperboot verbrannten, damit es keine weiteren Flüchtlinge nach Europa bringen kann. Die italienische Marine brachte uns sicher weiter bis nach Catania auf Sizilien. Von dort aus ging es für uns über Neapel und Mailand nach München. Schließlich erreichten wir Dortmund in NRW wo wir uns im Flüchtlingsheim kennengelernt haben.

 

Ein mit Flüchtlingen voll besetztes Schiff © Sueddeutsche Zeitung

Ein mit Flüchtlingen voll besetztes Schiff © Sueddeutsche Zeitung

Was glaubst du Yasin wäre passiert, wenn ihr in Seenot geraten wäret?
(Yasin): Die Frage stelle ich mir jeden Tag. Ich selber kann schwimmen, aber meine jüngeren Geschwister können es nicht und meine Eltern waren von den Strapazen völlig entkräftet. Es mag komisch klingen, aber wenn ich meine Schwestern verloren hätte, wäre ich nicht mehr hier sondern bei ihnen. Ich hätte es alleine nicht mehr ertragen können.

 

Wie wurdet ihr sonst auf europäischem Boden aufgenommen und wie waren die Behörden zu euch?
(Yasin): Als wir uns in Italien frei bewegten, hat uns die Polizei zwar sofort entdeckt und sie wussten auch dass wir illegal in das Land eingereist sind, aber sie ließen uns weiter nach Norden ziehen. Am Hauptbahnhof in München wurden dann Polizisten in Zivil auf uns aufmerksam, die uns anhielten und nach unseren Papieren fragten. Diese konnten wir natürlich nicht vorweisen und dachten schon die Reise sei jetzt hier vorbei. Aber dem war nicht so. Sie ließen uns weiter nach Köln ziehen, weil sie selber wussten, dass die Flüchtlingsheime in Bayern ohnehin schon überfüllt sind.
Wie war die Zeit im Flüchtlingsheim und wie war dann das Gefühl endlich in Deutschland, mit einer gültigen Aufenthaltserlaubnis, bleiben zu dürfen?
(Yasin): Im Flüchtlingsheim gibt es viele Menschen, die sich selber nicht mehr unter Kontrolle haben. Mit denen wollten wir nicht in Kontakt kommen um nicht in Schwierigkeiten zu geraten. Ich war sehr froh auf Wassim zu treffen. Zusammen hat man sich nicht ganz so einsam gefühlt. Nach sechs Monaten, das war Ende letzten Jahres, haben meine Familie und ich endlich gültige Papiere bekommen. Ich kann dieses Gefühl kaum in Worte fassen, aber es hat sich so in etwa wie ein neues Leben angefühlt. Eine zweite Chance in Deutschland zu bekommen. Das war großartig. Dank einer engagierten Sozialarbeiterin und glücklichen Zufällen wohne ich jetzt mit meinen Eltern und Geschwistern in einer kleiner Haushälfte in Aachen.
(Wassim): Bei mir habe ich das ganze Prozedere zweimal durchlaufen müssen. Einmal in Bulgarien neun Monate und das zweite Mal wieder neun Monate in verschiedenen Flüchtlingsheimen in Deutschland. Endlich Papiere für drei Jahre zu bekommen war, wie Yasin schon sagte, ein zweites Leben geschenkt zu bekommen. Danach bin ich im Zuge dessen auch mit sehr viel Glück und mit Hilfe von engagierten Freunden vor drei Monaten in eine kleine Wohnung nach Aachen gezogen. Es ist leider so gut wie unmöglich für Flüchtlinge eine eigene Wohnung zu beziehen, weil die Vermieter am Telefon bei den Worten Flüchtling und Syrien meistens sofort auflegen.Das macht uns die Situation umso schwerer uns zu integrieren.
Stimmt es, dass euch Integrations- und Deutschkurse verwehrt bleiben?
(Yasin): Es gibt ein Recht und die Pflicht erst für anerkannte Flüchtlinge an Integrationstest, die hauptsächlich aus Deutschkursen bestehen, teilzunehmen, aber in der Zeit vor der Aufenthaltserlaubnis im Flüchtlingsheim war es für uns schwer an Deutschkurse zu kommen, weil wir wenig Angebote hatten. Das ist nicht wirklich integrationsfördernd, wenn man in Deutschland am Leben teilhaben möchte. Meine Eltern haben darauf bestanden, dass wir Kinder Deutsch schon im Flüchtlingsheim lernen und Deutschkurse selber aus eigener Tasche bezahlt. Heute dürfen meine Geschwister auf das Gymnasium gehen und besuchen eine internationale Klasse mit speziellem Deutschunterricht.
Was sind nun eure Wünsche, Ziele und Pläne für die Zukunft im sicheren Deutschland?
(Wassim): Ich muss ehrlich sagen, dass ich einfach nur froh bin auf dieser Reise so viele verschiedene tolle Menschen kennen gelernt zu haben und möchte jetzt einfach nur erfolgreich Deutsch lernen und eine Arbeit finden. In Deutschland kann ich den Frieden genießen den ich so sehr gesucht habe.
(Yasin): Ich will jetzt erst einmal, dass meine Geschwister ihren Abschluss auf dem Gymnasium schaffen und dass ich mein Abitur, welches ich auf der Flucht in Kairo schon gemacht haben und leider hier nicht anerkannt wird, nachholen. Wenn ich das geschafft habe, ist mein großer Traum in Aachen auf der RWTH Maschinenbau oder Ingenieurwesen zu studieren und dann einfach ein normales Leben mit meiner eigenen kleinen Familien in Frieden zu genießen.

 

Kommentar:

Das Boot der Flüchtlinge ist maßlos voll, aber unsers noch lange nicht und deswegen ist es eine Pflicht eines jeden Bürgers dieser Welt auch nicht zwischen Wirtschafts- und Kriegsflüchtlingen zu unterscheiden. Wir alle sind Menschen die eine Chance verdient haben dort hin zugehen um zu (über)leben.

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