Schulkonsens – endlich Klarheit vs. Rückschritt

Donnerstag, 21.Juli 2011 von

Aus NRW

Seit Dienstag gibt es nun also endlich einen Schulfrieden in NRW. Die rot-grüne Minderheitsregierung hat sich gemeinsam mit der CDU auf einen Konsens geeinigt, der die Etablierung einer Sekundarschule neben den bestehenden Schulformen vorsieht. Dazu soll die Verankerung der Hauptschule in der Landesverfassung aufgelöst werden. Weitere Infos zum Schulkonsens gibt es hier!

© W. Stüßer/ www.fotocommunity.de

Wie ist dieser Kompromiss nun zu berwerten?

Positiv ist in jedem Fall, dass nun endlich Ruhe einkehrt in die Schullandschaft. Den Schulen wurde eine Basis gegeben, auf der sie bis 2023 arbeiten können. Denn sicher ist, dass die Arbeit in den einzelnen Schulen wesentlich entscheidender für den Bildungserfolg ist als ihre äußere Form.

Auch die Kommunen haben nun (bzw. nach der endgültigen Entscheidung im Landtag) eine Grundlage , auf der sie ihre Schulentwicklungsplanung aufbauen können. Diese Verlässlichkeit und Rechtssicherheit hat in den letzten letzten Monaten beim chaotischen Schulversuch „Gemeinschaftsschule“ gefehlt. Ich bin gespannt, ob nun auch die neue Sekundarschule eine Option für die Kommunen Blankenheim/Nettersheim sowie Kall/Schleiden/Hellenthal sein kann.

Die vielleicht unscheinbarste aber sicherlich nicht zu unterschätzende Errungenschaft des Konsenses ist es, dass diesmal nicht nur in neuen „Versuchsschulen“ die Klassenstärke reduziert werden soll, sondern auch in den bereits etablierten Schulformen. Für die Qualität des einzelnen Unterrichts kann das eine enorme Verbesserung bedeuten.

 

Doch ist dieser Konsens nicht auf der anderen Seite auch ein fauler Kompromiss? Wird nicht aus einem bisher 4-(mit Förderschulen sogar 5-)gliedrigem Schulsystem ein 5-(bzw. 6-) gliedriges? Statt einer Vereinfachung der Schullandschaft kommt nun eine neue Schulform beim gleichzeitigem Weiterbestehen der bisherigen auf uns zu. Es ist abzusehen, dass die Kommunen als Schulträger wie bisher vorrangig auf den Erhalt ihres Schulstandorts schielen. Mit welcher Schulform dies gelingt, ist ihnen meist realtiv egal.

Und was ist mit dem Ziel eines längeren gemeinsamen Lernens? Die Sekundarschule soll dies in Klasse 5 und 6 anbieten. Aber was kommt dann? Wiederholen wir nicht den Fehler einer Selektion nur zwei Jahre später? Dazu kommt, dass die Gymnasien weiter außen vor bleiben. Die Sekundarschule hat keine gymnasiale Oberstufe und ist damit nichts anderes als eine Verschmelzung von Haupt- und Realschule. Da bleiben erhebliche Zweifel, ob dies ein Mehrgewinn für unser Schulsystem ist. Die einzige wirklich integrierte Schulform bleibt die Gesamtschule, die sich übrigens in vielen Städten und Gemeinden vor Zulauf kaum retten kann. Vom integrativen und pädagogischen Ansatz ist die Sekundarschule dagegen eher ein Rückschritt. Aber vielleicht muss man ja auch manchmal einen Schritt nach hinten gehen, um zwei nach vorne zu kommen, oder? Letztlich entscheiden Eltern und SchülerInnen, ob diese Schulform eine Bereicherung ist!

3 Kommentare

  1. Andreas Eich sagt:

    Wenn bereits an der Klassengröße etwas verändert wird, sollte die Begrenzung auf 15 Teilnehmer begrenzt werden. Selbstverständlich sind mir die höheren Kosten des Bundeslandes für Lehrkräfte dadurch bewusst, doch es könnte dann individuell auf jedes Kind eingegangen werden. Schülerinnen und Schüler, die mehr Aufmerksamkeit oder Betreuung bräuchten, könnten diese zuteil werden, was schließlich auch zu einer besseren Ausbildung und zukünftig zu höheren Steuereinnahmen führen würde, da Bildung bekanntlich Arbeitslosigkeit entgegenwirkt. Dies gilt für alle Schulformen, nicht nur für die Sekundarschule.

    Das gemeinsame Lernen bis zur 6. Klasse erinnert sehr an eine Forderung von Klafki. Es ist außerordentlich wichtig, dass Kindern jederzeit die Möglichkeit gegeben wird, ein höheres Ausbildungsziel anzustreben, um diese nicht noch zusätzlich zu demotivieren. Dazu ist eine enge Zusammenarbeit der Schulformen unumgänglich, aber ob ein Schnitt nach Klasse 4 oder Klasse 6 gemacht wird, ist kein großer Unterschied. Was ist mit den Schülerinnen und Schülern, die in Klasse 7, 8 etc. plötzlich aufblühen?

    Als Ganztagsschule ist die Sekundarschule für berufstätige Eltern sehr interessant und bietet vor allem Frauen neue Möglichkeiten.

    Es sollen gymnasiale Standards gelten. Dies ist sehr interessant, da es bei Sekundarschulen häufig wohl um eine Verschmelzung von Haupt- und Realschulen handelt. Die Lehrkräfte sind in diesem Fall gar nicht für Gymnasien ausgebildet worden. Wenn eine Oberstufe integriert und schließlich eine Gesamtschule gegründet werden kann, haben die Lehrkräfte dazu ebenfalls keine Ausbildung. Außerdem könnte ein Teil der Haupt- und Realschüler bei der Umstellung Probleme bei gymnasialen Standards bekommen. Alternativ die Frage: Können gymnasiale Standards überhaupt praktisch an dieser Schulform umgesetzt werden?

    Die 12 bereits genehmigten Gemeinschaftsschulen, sollten in Gesamtschulen umgewandelt werden, damit man nicht noch eine weitere Schulform hat.

  2. Mir gefällt vor allem deine letzte Forderung, die genehmigten Gemeinschaftsschulen umzuwandeln. Alles andere macht ja keinen Sinn. Die Gemeinschaftssczule ohne Oberstufe könnte man ja nun auch in Sekundarschulen umformen, um das System nicht unnötig zu verkomplizieren.

    Zu Deiner Frage nach gymnasialen Standards:
    In meinen Augen ist das nur eine Luftblase. Eine Schule, die Haupt- und Realschulabschluss anbietet kann nunmal keine gymnasialen Standards verlangen. Das ist schier unmöglich!

  3. Dorian sagt:

    Lehrreicher Post. Cool, wenn man das Thema auch mal aus einem anderen Blickwinkel beschrieben lesen kann.

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